26. September 2022
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Neven Subotić: Ein äußerst engagiertes Plädoyer für eine gerechtere Welt…

© Kiepenheuer & Witsch
Lesedauer ca. 5 Minuten

Buchrezensionen sind im DZ-Blog anderweitig gut abgedeckt. Ich möchte heute anlässlich des Erscheinens des Titels “Alles geben: Warum der Weg zu einer gerechteren Welt bei uns selbst anfängt” von Neven Subotić und Sonja Hartwig (Verlag Kiepenheuer & Witsch) auf einen ganz besonderen gesellschaftspolitischen Beitrag von hoher Relevanz und enormer Strahlkraft aufmerksam machen.
Die dem Buch zugrundeliegende Geschichte ist außergewöhnlich und könnte Hoffnung auf eine bessere Welt machen (eine oft als Sozialromantik abgetane Feststellung), so sich viele Menschen von ihr inspirieren ließen. Über die literarische Qualität möchte ich mir kein Urteil anmaßen. Darum geht es hier auch nicht, sondern um den Inhalt: Die faszinierende Biographie eines jungen Mannes, dessen breit gestreute Erlebnispalette vom Flüchtlingskind zum gefeierten Fußballstar bis hin zum rastlosen Gesellschaftsaktivisten bei der Leserschaft fast zwangsläufig eine fesselnde Wirkung erzielen “muss”.

Zunächst zum Autor und Protagonisten der Handlung: Neven Sobotić
Er wurde am 10. 12. 1988 im jugoslawischen Banja Luka, heute Bosnien und Herzegowina, geboren. Die Familie (Neven, Vater Željko, Mutter Svjetlan und die Schwester Natalie) zog in Vorahnung der kommenden kriegerischen Auseinandersetzungen im damaligen Jugoslawien 1990 nach Deutschland und lebte zunächst in Schömberg nahe Pforzheim im Schwarzwald.
1999 übersiedelte die Familie nach Salt Lake City/USA, da ihr in Deutschland die Abschiebung nach Bosnien und Herzegowina drohte.
Subotić, der fließend Deutsch, Serbisch und Englisch spricht, besitzt die deutsche, die serbische und die Staatsbürgerschaft der USA.
Vom College-Team der University of Florida und nach mehreren Einsätzen in der USA-Fußball-Jugendnationalmannschaft kam Subotić 2006 als Jungprofi zum deutschen Bundesligisten 1. FSV Mainz 05, bei dem Jürgen Klopp als Trainer arbeitete. Klopp nahm den Spieler 2008 mit nach Dortmund zum BVB, wo Neven sich zu einem Verteidiger von Weltklasseniveau entwickelte und bis 2016 spielte. Weitere FB-Stationen waren u.a. der 1.FC Köln und Union Berlin (und am Ende seiner Karriere wechselte Neven 2021 für zehn Spiele in die österreichische Bundesliga nach Vorarlberg zum SCR Altach).
Von 2009 bis 2013 absolvierte Subotić 36 Spiele für die serbische Nationalmannschaft.
Im Juni 2022 beendete Subotić mit erst 33 Jahren seine Profikarriere als Fußballspieler, da er – getrieben von der Vorstellung, diese Welt etwas besser zu machen – sich künftig ausschließlich seinen sozialen Projekten widmen wollte.
Subotić ist Botschafter für den Verein Kinderlachen in Dortmund, der sich um kranke und arme Kinder in Deutschland kümmert.
Sein Hauptprojekt ist allerdings seit 2012 seine Neven Subotić Stiftung, die sich intensiv um den Bau von Sanitär- und Brunnenanlagen in Ostafrika (v.a. in Äthiopien, neuerdings auch in Kenia und Tansania) bemüht.
Beim Schreiben seines aktuellen Buches wurde Neven von der Journalistin und Autorin Sonja Hartwig (u.a. Die Zeit, Stern, Spiegel…) unterstützt.

Subotić/Hartwig: Alles geben, S. 8

Im ersten Teil der Publikation beschreibt Subotić seine Flüchtlingsgeschichte und den Werdegang als Fußballer. Im zweiten Abschnitt steht sein soziales Engagement im Rahmen der Neven Subotic Stiftung im Blickpunkt. Der Weg dorthin war ein schwieriger und langwieriger Prozess der Selbstfindung (“Wie ich stolperte, umherirrte, auf Abwege geriet und letztlich meine Richtung fand – davon erzählt dieses Buch.” / S. 21)

Der zentrale Begriff im Buch und die treibende Kraft in Nevens Leben ist die Frage nach Gerechtigkeit und Fairness (“Die Fairness ist mein Heiligtum.” / S. 129). Sie zieht sich durch sein ganzes Leben und endet oft in einem hochkommenden Schamgefühl, wenn er z. B. seine Projekte in Ostafrika besucht oder an die bei weitem überbezahlte Glitzerwelt des professionellen Fußballs denkt.
[Es ist tatsächlich weit jenseits der Vorstellungskraft und der moralischen Erträglichkeit, dass z.B. die Transfersumme des brasilianischen Topstürmers Neymar vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain im Jahr 2017 222 Millionen Euro betrug und dem Spieler dazu noch eine Wechselprämie von 100 Millionen bezahlt wurde – bei einem Nettogehalt von damals 10 Millionen Euro im Jahr, das inzwischen sukzessive auf 30 Mio. erhöht wurde. L. St.]

An einer Stelle fragt Neven, wie gerecht es sei, dass ein Fußballer Millionen verdiene, während eine Putzfrau von einem Job allein nicht leben könne? Oder dass wir jederzeit ein Glas Wasser trinken könnten, aber täglich 2.000 Kinder an Krankheiten sterben, die durch verunreinigtes Wasser übertragen werden.

Als hochbezahlter Fußballprofi beim BVB hat er das Leben in vollen Zügen genossen, sich schnelle Autos gekauft, ein großes Haus erworben und in Saus und Braus in der Schickimicki-Welt der Dortmunder Snobiety gelebt, wo er schließlich nur mit dem Finger zu schnippen brauchte, um die schönsten Frauen zu verführen. Sein exzessiver Lebensstil bestand aus Profifußball, Playstation-Zocken, Barbesuchen, Alkohol und Frauen.
Und dennoch, oder gerade deswegen: Er fühlte sich nicht wohl in seinem Leben. Gerechtigkeitsempfinden und Schamgefühle ließen ihn an der Sinnhaftigkeit seines Lebens zweifeln. Er stellte sich Fragen: Wer möchtest du eigentlich sein? Was soll dein Beitrag zur Gesellschaft sein? Und so begann er, in Trainingspausen und in seiner Freizeit sich mit dem Thema der individuellen und globalen Gerechtigkeit zu beschäftigen. Wenn seine Vereinskollegen stundenlang ihre Zeit mit Videospielen totschlugen, las er Bücher und Zeitungsberichte oder absolvierte Online-Seminare, um einen Zugang zu den aufkommenden, vorher beschriebenen Zweifeln zu finden und nach einer Lösung zu suchen.

Sein langjähriger Trainer Jürgen Klopp (derzeit beim FC Liverpool und Verfasser des Vorworts im Buch) beschreibt Neven folgendermaßen: “Er ist für mich der außergewöhnlichste Spieler, mit dem ich je zusammengearbeitet habe, nicht fußballerisch, aber menschlich.” (S. 13)

Neven Subotić (r.) und Jürgen Klopp zu gemeinsamen BVB-Zeiten (© imago / DeFodi)

Nicht alle FB-Betreuer sahen Nevens Engagement mit so viel Wohlwollen. Im Gegenteil, er wurde oft mit argwöhnischen Bemerkungen konfrontiert, wobei ihm unterstellt wurde, dass seine fußballerischen Leistungen möglicherweise unter seiner karitativen “Nebenbeschäftigung” leiden könnten. Und das zu einer Zeit, als er noch auf höchstem Niveau in der deutschen Bundesliga spielte.

Zwar begann er schon früh, sich sozial zu engagieren (für Kinder in einem Heim in Mainz, den Verein “Kinderlachen” in Dortmund…), jedoch befriedigte ihn das allgemeine Lob, das er dafür bekam, keineswegs. Das kolportierte Narrativ des coolen Typen, der als Fußballmillionär sich nicht nur eine Villa kaufen kann, mehrere Autos besitzt und dazu noch ein bisschen Wohltätigkeitsarbeit macht, ließ ihn in der Selbstwahrnehmung eher als eine Avatar-Figur, die allen gefallen wollte, erscheinen. Er fühlte sich innerlich leer. Es genügte ihm nicht, in den Augen anderer gut dazustehen. Er wollte selber von sich überzeugt sein.

Und so kam er auf die Idee, dort zu helfen, wo seine Unterstützung am dringendsten gebraucht würde und langfristig etwas bewirken könnte. Das Ergebnis intensiver Recherchen und eines langen Entscheidungsprozesses war folglich 2012 die Gründung einer Stiftung, als er gerade einmal knapp 24 Jahre alt war. Sie sollte Brunnenprojekte zur Gewinnung von sauberem Wasser und damit in Zusammenhang stehende Bildungsinitiativen in Ostafrika, vornehmlich in Äthiopien fördern.

Neven Sobotić Stiftung:

Am Ende der Lektüre dieses höchst empfehlenswerten Buches erhebt sich “zwangsläufig” für jede(n) LeserIn die Frage, was sie/er dazu beitragen kann, um diese Welt ein bisschen gerechter und damit besser zu machen.

yyy

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Luis Strasser

Als begeisterter Leser der Printausgabe der DZ hat sich Luis – zusammen mit einem kleinen Team – nach der drohenden Einstellung der Druckversion 2019 dafür eingesetzt, die DZ in irgendeiner Form zu erhalten. Das Resultat ist der nun vorliegende Weblog, an dem als Redaktionsmitglied und Autor mitzuarbeiten ihm viel Freude bereitet. Seine Schwerpunktthemen: Politik, Bildung, gesellschaftlicher Wandel, Zeitgeschichte…

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