30. März 2020

Wie Inzing durch mutige Politik zur kulturellen Vorzeigegemeinde der Region wurde

Lesedauer ca. 6 Minuten

Chronologie einer weitsichtigen Planung

Als der damalige Inzinger Bürgermeister Kurt Heel im Herbst 2009 bei einer Podiumsdiskussion innerhalb der Inzinger Identitätswochen eher launisch, aber bejahend die Frage nach einer Renovierung des Wegmacherhauses beantwortete und die Finanzierung der rund einer Million Euro in Aussicht stellte, staunte man im Publikum und an den Radiogeräten über Radio Enterbach nicht schlecht. Dass das mitten im Dorf stehende Wegmacherhaus umgebaut und der Kultur gewidmet werden sollte, war schon seit einiger Zeit Thema, aber so nahe dran an einer Umsetzung war man bisher nie gewesen.

In seiner Funktion als Kulturausschussobmann hatte Hannes Gstir den Boden dafür bereitet, in dem er eine Arbeitsgruppe eingerichtet hatte, mit dem Ziel ein Nutzungskonzept zu erstellen. Da wurden Erhebungen zum Raumbedarf der Inzinger Kulturvereine durchgeführt, Pläne zum Umbau gezeichnet und viel diskutiert, was denn im Wegmacherhaus alles Platz finden sollte. Vorher war lange Zeit die Einrichtung eines Museums geplant, nun war klar ein heterogenes Kulturhaus im Blick, nach Vorbild des damaligen Bierstindls.

Eigenartigerweise schlief das Projekt trotz der Zusage des Bürgermeisters wieder ein. Die genauen Gründe dafür sind mir nicht mehr in Erinnerung. Auf jeden Fall wurde (vermutlich 2011) eine neue Konzeptgruppe ins Leben gerufen, die sich noch eingehender mit den Nutzungsmöglichkeiten auseinandersetzte. Das wesentliche Schlagwort aus dem Konzept war der „Möglichkeitsort“, das Wegmacherhaus sollte ein offener Raum werden, in dem vieles möglich würde.

2012 war dann das Jahr, das durchaus als Meilenstein bezeichnet werden kann. Der Kulturverein Inzing setzte mit dem über TKI-open finanzierten Projekt wegmacherhaus pre|loaded eine Veranstaltungsreihe rund um das Haus um und antizipierte es als Ort für zeitgenössische Kunst und Kultur. In dem baufälligen Gebäude wurden neben einer Lesung von Christoph W. Bauer oder einem Konzert, bei dem Pflanzen die Musik machten und einiger weiterer interessanten Formaten, die Doku „Wegmacherhaus“ und der Kurzspielfilm „Kaltstart“ gezeigt. Nicht zuletzt dadurch kam allmählich Schwung in die Sache.

Der Gemeinderat beschloss als ersten Schritt den Kulturentwicklungsprozess „Kultur vor Ort“ im Frühsommer 2013 in Inzing durchzuführen. Darin zeigte sich, neben der Feststellung, dass Inzing einen Kulturüberschuss hat (also genug selbst produzierte Veranstaltungen), wenig überraschend, dass das Wegmacherhaus für viele Inzinger Kulturschaffende ein wichtiger Ort wäre. Eine konkrete Folge des Prozesses war die Erarbeitung eines Kulturleitbildes, das im Herbst 2014 präsentiert und vom Gemeinderat angenommen und letztlich in die Präambel des Raumordnungskonzepts aufgenommen wurde. Eine Veröffentlichung auf der Homepage der Gemeinde steht leider noch immer aus.

Im Sommer 2014 feierte der Kulturverein Inzing seine ersten 20 Jahre. Ich möchte nicht behaupten, dass meine Eröffnungsrede der Auslöser war, dass die Angelegenheit nun an Fahrt aufnahm, auch wenn sie von den anwesenden GemeindepolitikerInnen durchaus positiv und zustimmend aufgenommen wurde. Eher ist der Grund in einer Podiumsdiskussion zum Thema „Kulturarbeit am Land“ zu finden. Dass der damalige stellvertretende Leiter der Kulturabteilung des Landes Tirol, Benedikt Erhard, am Podium davon sprach, dass am Ende des Tages, eine Drittelfinanzierung der Umbaukosten wahrscheinlich wäre, die Gemeinde also „nur“ etwa 300.000 € beisteuern müsse, kann als Anstoß für das tatsächliche Angehen des Projekts gesehen werden. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte die Gemeinderätin Renata Wieser bei dieser Diskussion auch den wichtigen Gedanken beigesteuert, das Haus für einen symbolischen Euro einem Trägerverein zu verpachten. Beides überzeugte den Gemeinderat so sehr, dass für 2015 der Beginn der Umbauarbeiten beschlossen wurde.

Im Sommer 2015, der Trägerverein war längst gegründet und die Verhandlungen mit Land und Bund positiv abgeschlossen, folgte der Spatenstich für die Renovierung. Durch das überzeugende Konzept, das einen für die Gemeinschaft offenen Raum vorsah, gab es von Anfang an und quer durch die Vereine und Bevölkerung starke und tatkräftige Unterstützung.

Besonders möchte ich an dieser Stelle auch die Gemeindemitarbeiter hervorheben, die durch ihr Knowhow und die unterstützenden Arbeiten den Umbau wesentlich vorangetrieben haben. Durch Synergien mit der Gemeinde, der großen ehrenamtlichen Unterstützung und der Entscheidung, das Haus zwar technisch auf den neuesten Stand zu bringen, aber nicht alles auf Hochglanz zu renovieren, sondern einzelnen Räumen auch ihren alten Charme bewahren zu lassen, konnten letztlich fast € 200.000,- an Kosten eingespart werden.

Im Herbst 2015 fand dann mit dem gemeinschaftlichen Projekt „Wege machen“ von Kameraclub, Friedrichslinde, der Bücherei, der Dorfchronik und dem Kulturverein mitten in der Renovierung eine inoffizielle Eröffnung statt. Der Film „Kultur.Dorf.Inzing“ des Kulturvereins dokumentierte die Anfangsphasen des Umbaus und wurde an diesem Abend präsentiert.

Das Erdgeschoß mit seinem etwa 80 Personen fassenden Veranstaltungssaal und der erste Stock mit den offenen Kreativräumen, sowie den für die Allgemeinheit zugänglichen Teil der Dorfchronik wurde dann Anfang Juli 2016 in Anwesenheit der Landesrätin für Kultur Beate Palfrader feierlich und mit einem aufsehenerregenden Programm eingeweiht. Palfrader betonte in ihrer Rede die Wichtigkeit von kulturellen Orten abseits der Landeshauptstadt und deren Bedeutung für ein lebendiges Dorfleben.

Heute, vier Jahre und zwei weitere Bauphasen später, ist das Haus und sein Programm auf andere Weise aufsehenerregend und bestätigt immer wieder seine Stellung als Dorfknoten, wie es im ursprünglichen Konzept hieß. Das Wegmacherhaus hat sich als lebendiger Ort im Dorf etabliert, was ohne den Einsatz der Geschäftsführerin und ihrer beider Mitarbeiter, sowie natürlich den vielen Ehrenamtlichen nie möglich gewesen wäre. Auch dass seit Anfang 2019 die Agenden des Gemeinwesens in Inzing von der Geschäftsführerin übernommen werden konnten (von der Gemeinde unterstützt, aber unabhängig!) hat einen enormen Einfluss auf das Gesellschaftsleben Inzing im Allgemeinen. Man kann stolz behaupten, dass das Wegmacherhaus nicht nur Anlaufstelle, Veranstaltungsort und Begegnungsort geworden ist, sondern dass es viel zu einem allgemeinen Zugehörigkeitsgefühl beigetragen hat. Ein Erfolgskonzept, das über das Dorf hinausreicht.

Zum Abschluss noch ein kurzer Ausblick auf das Programm im kommenden Monat:

Schon morgen, am Dienstag, 18. Februar kommt mit Sina Tahayori, einer der Autoren, die 2007 im Rahmen des Projekts „andernworts“ des Kulturvereins als DorfschreiberInnen in Inzing eingeladen waren. Lange hat es gedauert, aber nun ist sein Roman frisch aus der Druckerei gekommen und Sina hat es sich nicht nehmen lassen, die erste Lesung in Inzing zu machen. Wir freuen uns! – Di, 18.2., 19.30 Uhr, Wohnzimmer, erster Stock. Eine Veranstaltung des Kulturvereins Inzing.

Noch bis Ende Februar ist die Ausstellung der 5 TeilnehmerInnen der Fotoakademie Inzing zu sehen. Die TeilnehmerInnen haben sich ein Jahr lang intensiv mit Fotografie in Theorie und analoger Praxis auseinandergesetzt und eine Ausstellung zum Thema Utopien gestaltet. Am Vorabend der Finissage, am 28. Februar wird im Rahmen der Fotoakademie der in Paris ansässige Fotograf Arno Gisinger einen Vortrag über „Fotografie und Krieg“ halten. Die ausgestellten Fotografien sind alle in der hauseigenen Dunkelkammer entstanden. – Fr, 28.2., 20 Uhr, Bühne im Erdgeschoß. Eine Veranstaltung von Kameraclub Inzing und Kulturverein Inzing.

Die Finissage wird mit einem Dachbodenkonzert im Dachgeschoß am Samstag, 29. Februar gefeiert. Eingeladen ist Baiba Dēķena, die den InzingerInnen mit ihrem „open mic“ – Veranstaltungen bestens bekannt ist, mit ihrem eigenen Programm. Eine Mischung aus Singer/Songwriter und Elektronik. – Sa, 29.2., 19.30 Uhr, Dachboden. Eine Veranstaltung von Kameraclub Inzing und Kulturverein Inzing.

Die Initiative Minderheiten stellt ihr neu erschienenes Buch „Idomeni – Waiting for Home“ vor. Die Fotografin Alkisti Alevropoulou-Malli hat als Aktivistin im Flüchtlingscamp gearbeitet und beeindruckende Fotos geschossen. Dabei ging es ihr, und das wird von den begleitenden Texten unterstützt, immer um die Handlungsfähigkeit der Menschen, die dort gestrandet waren. – Do, 5.3., 19.30 Uhr, Tafelstuben im halben Stock. Freundeskreis für Integration Inzing gemeinsam mit der Initiative Minderheiten Tirol.

Regelmäßige Veranstaltungen und Treffen:

Jeden 3. Mittwoch um 18 Uhr findet im ersten Stock im Archiv der Dorfchronik das „Handschriftenlesen“ statt. Diesmal stehen Gemeinderatsprotokolle aus dem späten 19. Jahrhundert zur Verfügung. – Mi, 19.2., 18 Uhr, Archivstüberl. Dorfchronik Inzing gemeinsam mit dem Tiroler Bildungsforum.

Der Siebdruck-Workshop mit Ingo Wallnöfer von der Druckkiste wird am 26. Feber in den Kreativräumen im zweiten Stock seine Fortsetzung finden. NeueinsteigerInnen sind herzlich willkommen. – Mi, 26.2., 18 Uhr, Kreativräume, zweiter Stock.

Jeden 1. Montag im Monat gibt’s die Inzinger Stunden im freien Radio Innsbruck. Es wird drei Stunden live aus dem Wegmacherhaus gesendet. Anmeldungen für Sendezeit spätestens zwei Wochen vorher bei der Geschäftsführung des Wegmacherhauses. – Mo, 2.3. 20 Uhr, Radioküche, erster Stock. In Kooperation mit Freirad, freies Radio Innsbruck.

Freitags Nachmittag, wie gewohnt, Wissensforum. Jung lernt von Alt und umgekehrt. Am 21. Feber werden ältere Menschen in Social Media eingeführt. Am 28. Feber wird einer der letzten Wagner ins Wissensforum kommen und darüber erzählen, was die Geheimnisse beim Holzräder-machen sind. – Fr, 21.2. und Fr, 28.2., 17 Uhr, erster Stock. Gemeinwesen Inzing.

Das nächste Treffen der offenen BürgerInnengruppe „Inzing 2050“, das über die Zukunftstauglichkeit des Dorfes nachdenkt und den Gemeinderat in diesen Fragen berät, tagt am – So, 8. März, 14-19 Uhr, Tafelstuben im halben Stock. Gemeinwesen Inzing und Gemeinde Inzing.

Zum Vormerken:

Wir freuen uns enorm, dass es gelungen ist „Ernst Molden und das Frauenorchester“ zum diesjährigen Dorffest einzuladen. Er wird am Kirchplatz auf der Hauptbühne spielen.

Es gibt noch Restplätze für den Workshop „Filmschnitt für Jugendliche“, Anmeldungen bis 15.3. im Büro – bitte Weitersagen!


PS: Die Unkenrufe, dass das Programm im Wegmacherhaus ein Parkchaos im Dorfzentrum verursachen würde, haben sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Im Gegenteil, seit der Gemeinderat die radikale Fußgängerfreundlichkeit, die ihm von „Inzing 2050“ empfohlen wurde, umgesetzt hat, ist der Autoverkehr im Allgemeinen und ganz speziell zu den Veranstaltungen enorm gesunken. Im Falles des Wegmacherhauses hat das vielleicht auch mit dem Fußgängerschnapsl zu tun, das gratis gereicht wird.

PPS: Auch dass ein lebendiger Veranstaltungsort die Gastronomie in Inzing schädigen würde, hat sich nicht bestätigt. Es ist in den letzten Jahren zu beobachten, dass die Inzinger und Inzingerinnen wieder im Dorf ausgehen und auch gerne nach den Veranstaltungen noch wohin gehen und ein Glaserl trinken oder auch eine Kleinigkeit essen wollen. Das hat sich auf das kulinarische Angebot im Dorf sehr positiv ausgewirkt.

PPPS: Damit keine Missverständnisse aufkommen und nachdem so viele konkrete Termine und Namen genannt wurden und zum Teil verlinkt wurden: So wie im Beitrag beschrieben oder so ähnlich hätte es werden können. Bis vor etwa fünf Jahren hat es einige Menschen quer durch die Vereine gegeben, die sich mit Herzblut dem Wegmacherhaus gewidmet hätten. Eine verpasste Chance für Inzing! Die Darstellung bis etwas ins Jahr 2014 entspricht mehr oder weniger den Tatsachen.

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Michael Haupt

Michael Haupt

Michael nennt sich selbst gern Kulturarbeiter und macht das in verschiedenen Feldern, sowohl beruflich, als auch in seiner Freizeit. Letztlich geht es ihm dabei immer um die politische Dimension von Kultur. Um ihr Potenzial, die Gesellschaft vorwärts zu bringen, in dem sie Themen und Fragestellungen auf andere Art aufwirft. Das wird sich auch in seinen Artikeln für den Blog zeigen.

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Ein Gedanke zu “Wie Inzing durch mutige Politik zur kulturellen Vorzeigegemeinde der Region wurde

  1. Danke für diesen Beitrag, Michael!
    Ja, so hätte es werden können – aber leider ist es nicht so gekommen.
    Und mit jedem Jahr, das das Haus weiter leer steht, wird es aufwändiger und teurer, jemals etwas daraus zu machen. Viel Energie und guter Wille von einer Handvoll Ehrenamtlicher verpuffte ins Leere, den damals Aktiven ist wohl die Lust vergangen, sich erneut zu engagieren, und neue Leute, die sich dieses Projekts annehmen würden, sind noch nicht aufgetaucht – wurden auch nicht gesucht – und könnten durch das Versanden (lassen) der früheren Anstrengungen entmutigt werden.
    Sehr schade, denn der Befund stimmt wohl noch immer: Inzing ist ein Dorf mit großem kulturellen Potenzial!

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