6. Februar 2023
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Toshikazu Kawaguchi: Bevor der Kaffee kalt wird

Lesedauer ca. 2 Minuten

Bevor der Kaffee kalt wird erzählt die Legende von einem bestimmten Sessel in einem bestimmten Café in Japan.

Das Café trägt den Namen Funiculi Funicula, das ist der Titel eines neapolitanischen Schlagers aus dem Jahr 1880. Er wurde zur Eröffnung der Standseilbahn auf den Vesuv geschrieben und lässt sich mit “Standseilbahn rauf, Standseilbahn runter” übersetzen. Es ist die scherzhafte Werbung eines heiratslustigen Mannes um eine junge Frau. In Japan ist das Lied bekannt, weil die Melodie des italienischen Originals in einem Anime verwendet wurde.

Im Café dieses Buchs können Menschen unter bestimmten Bedingungen zeitlich rauf und runter fahren. Wer sich in den speziellen Sessel setzt, kann eine Zeitreise unternehmen, aber mit strengen Regeln und nur solange, bis der Kaffee kalt wird. In vier miteinander verschränkten Geschichten reist dreimal eine Person in die Vergangenheit und einmal eine in die Zukunft.

Bevor der Kaffee kalt wird begann als Theaterstück und das merkt man dem Text an. Alles spielt sich im einzigen Raum des Cafés ab, auch die Zeitebenen der Zeitreisen, und es gibt nur wenige Personen. Die Regeln für die Zeitreise sind so streng, z.B. ändert sich dadurch nichts in der Gegenwart, dass man meinen könnte, es sei sinnlos, überhaupt in eine andere Zeit zu reisen. Doch Kawaguchi versteht es, diesem strengen Korsett warmherzige Geschichten zu entlocken. Sein Erzählstil ist sehr sachlich, über einfache Beschreibung von Kleidung und Gesichtsausdruck vermittelt er Emotionen. Hintergrundgeschichten werden kurz eingestreut.

Normalerweise sind Zeitreisen Abenteuerromane. Kawaguchi macht es ganz anders, passiv, reduziert und trotzdem spannend. Die Spannung entsteht hier aus dem Widerspruch zwischen dem Wunsch der Reisenden und den engen Grenzen der Regeln. Dasselbe Ritual wiederholt sich in jeder Geschichte, in der erwünschten anderen Zeit läuft es anders als erwartet, aber es kommt doch zu neuen Erkenntnissen und Einsichten, die den Zeitreisenden ihr Leben in der Gegenwart besser machen.

Eine charmante Lektüre mit einer gewissen Eleganz.

Toshikazu Kawaguchi wurde 1971 in Osaka geboren und ist Produzent, Regisseur und Dramaturg der Theatergruppe Sonic Snail. Bevor der Kaffee kalt wird war ursprünglich ein Theaterstück und erst später zu einem Roman umgearbeitet, es ist sein erstes Werk als Erzähler.

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Brigitte Scott

Brigitte Scott lebt seit 20 Jahren in Inzing und ist hier im Chor Inigazingo, im Kulturausschuss als Vertreterin der Liste JuF und im Kulturverein aktiv. Bis zum Ende der gedruckten Dorfzeitung war sie viele Jahre deren (Mit)herausgeberin und vor allem an Kulturberichterstattung interessiert. Brigitte ist ursprünglich aus Salzburg und lebte 16 Jahre in England. Ihrem Beruf als Übersetzerin und Lektorin geht sie in reduziertem Umfang auch jetzt in der Pension noch nach. 2009 engagierte sie sich im Projekt Radio Enterbach und davor im Literaturprojekt Andern(w)orts, beide vom Kulturverein. Sie liebt Musik, als Chorsängerin und als rege Besucherin von Konzerten. Sie ist Mitglied des English Reading Circle, der sich jedes Monat trifft, um ein bestimmtes Buch zu besprechen, natürlich auf Englisch. Sie gartelt mit Freude, aber hauptsächlich nach der Methode "Versuch und Irrtum". Trotzdem findet sie immer wieder genug zu ernten, um ihrer Kochleidenschaft zu frönen. Saisonale und indische Küche, die sie in England erlernt hat, liebt sie besonders - und ihre Gäste ebenfalls.

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