28. Juli 2021
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Wozu sind Mücken gut?

© de.depositphotos.com
Lesedauer ca. 6 Minuten

Schon kleinen Kindern wird spätestens in der Schule beigebracht, alles in gut oder schlecht, brav oder böse zu unterteilen.
Es gibt Nützlinge und Schädlinge. Zu den Nützlingen gehören auf jeden Fall alle Haustiere, denn sie liefern uns Menschen Milch, Eier, Wolle, Fleisch usw.
Die Schädlinge fressen unsere Vorräte im Keller, das Obst von den Bäumen und das Gemüse im Garten.
So haben wir das gelernt. Alles einfach und klar strukturiert!

Schädlinge werden bekämpft … mit Fallen, Gift und Geschoßen. Das muss so sein!

Haustiere werden zwar auch getötet, aber das Schlachten passiert ja bloß, weil wir das Fleisch brauchen – das ist etwas anderes!
Regenwürmer sind gut für die Erde und außerdem kann man sie zum Fischen verwenden. Die Eule ist gut, weil sie Schädlinge frisst, usw. Alles wird in Gut oder Schlecht geteilt.
Und so ist es nicht überraschend, wenn fast jedes Kind irgendwann die Frage stellt:
“Wozu sind die Mücken gut? Sind sie nützlich oder schädlich?”.
Mücken sind Schädlinge.
„Aber sie fressen den Menschen doch nichts weg. Die Fische brauchen aber ihre Larven zum Fressen und viele Menschen essen dann gerne Fisch.“
Ja, aber sie stechen!“ – „Der Arzt hat mich auch gestochen.“
Sie können Krankheiten übertragen!“ – „Mich hat im letzten Winter mein bester Freund angesteckt – ist er jetzt ein Schädling?“
Der gut gemeinte Vorschlag (moderne Erziehung kennt keine Drohung), dass im nächsten Urlaub mit offenen Fenstern geschlafen wird und dass es den Insektenspray aber nur für Mama und Papa geben wird, zeigt pädagogische Wirkung. Jetzt ist klar: Mücken SIND Schädlinge!

© Uwe Anspach dpa

Der Manager des Pharmakonzernes würde allerdings (selbstverständlich nur klammheimlich) denken: “Malaria beschert uns jährlich Millionengewinne! Was für ein Nützling!”

Was aber ermächtigt uns Menschen, über die Existenzberechtigung anderer Spezies zu urteilen? Ganz einfach! Er ist in der Lage es zu tun und deshalb geschieht es. Ob das moralisch in Ordnung ist oder nicht, ist eine andere Frage.

Sobald Leben existiert, verbreitet es sich überall, wo dies möglich ist. Aufgrund unterschiedlicher Bedingungen entwickeln sich unterschiedliche Eigenschaften. Es gab im Verlauf der Erdgeschichte schon mehrere große Artensterben aufgrund fataler Naturkatastrophen. Aber jedes Mal füllten sich die vorübergehend weißen Flächen auf der Landkarte des Lebens wieder mit neuen Arten. Wo Leben möglich ist, wird eine Art ihren Platz finden … früher oder später. Die Mücke hat ihren Platz gefunden und nimmt diesen schon seit vielen Millionen Jahren ein. Erst kürzlich fanden Wissenschafter eine Mücke, die vor 46 Millionen Jahren lebte und heute noch das vor ihrem Ableben gesaugte Blut in ihrem Körper trägt.

Der Mensch brüstete sich lange Zeit, das einzige intelligente Lebewesen zu sein. Inzwischen weiß man, dass Intelligenz auch bei anderen Arten vorhanden ist – bloß ist diese Fähigkeit beim Menschen besonders gut entwickelt.

Der Oktopus hingegen kann die Körperfarbe perfekt an seine Umgebung anpassen. Das Chamäleon kann das zwar auch, aber der Oktopus kann‘s besser. Ähnlich wie die Intelligenz des Menschen sind manche Fähigkeiten mehr oder weniger, teilweise auch gar nicht ausgeprägt.

© www.mauritius-images.com

Der Erfolg des Menschen im Wettbewerb in der Natur lässt sich zweifellos zum größten Teil auf seine Intelligenz und die handwerklichen Fähigkeit zurückführen. Aber dies sind nur wenige von vielen möglichen Strategien in der Natur, um sich behaupten zu können.
Die Frage, ob eine Spezies nützlich ist oder nicht, ist für die Natur vollkommen irrelevant. Sie überlebt, wenn ihre Eigenschaften für die herrschenden Bedingungen günstig sind, oder sie verschwindet und wird durch andere Lebensformen ersetzt.
Vom Oktopus weiß man, dass er die Meere schon länger als 30 Millionen Jahre bevölkert. Australopithecus, der als Vorgänger des modernen Menschen gilt und bei weitem noch nicht die Fähigkeiten des heutigen „Homo sapiens“ besaß, existierte vermutlich im Zeitraum von 4 bis 2 Millionen Jahren vor unserer Zeit. Daraus soll sich langsam der moderne Mensch entwickelt haben. Es gibt uns in der heutigen Form also erst seit wenigen hunderttausend Jahren – nicht viel länger als nur ein Wimpernschlag in der Geschichte des Lebens auf unserem Planeten.

Ob Intelligenz auf lange Sicht tatsächlich eine gute Strategie ist, um eine Art möglichst erfolgreich und lange „gedeihen“ zu lassen, wird sich erst zeigen müssen. Der Mensch steht im Vergleich zu anderen Erdenbewohnern erst ganz am Beginn.

Wenn man beobachtet, wie der Mensch seine Intelligenz einsetzt, kommen jedoch Zweifel auf, dass dies eine erfolgreiche Eigenschaft sein wird. Der größte Feind des Menschen scheint der Mensch selbst zu sein. Warum sonst werden größte Anstrengungen und Mittel eingesetzt, um immer neuere und effizientere Waffen zu entwickeln, welche andere Menschen töten sollen?
Der Mensch verbraucht jährlich viel mehr Ressourcen unseres Planeten als regeneriert werden können. Der Mensch weiß das – er tut es trotzdem! Der Mensch produziert Dinge, die – objektiv betrachtet –   niemand zum Leben braucht und vernichtet dabei wertvollen Lebensraum. Man weiß das und tut es trotzdem! Neben vielen ausgeklügelten Werkzeugen und Methoden, die das Leben und die Nahrungsbeschaffung erleichtern, hat der Mensch auch das Geld erfunden – inzwischen ein reines Gedankenkonstrukt, zum Großteil sogar schon ohne materieller Existenz. Geld ist nur so viel wert, wie die Masse der Menschen glaubt, dass es wert ist. Geld dient auch nicht mehr dem Zweck, sich einen Vorteil gegenüber anderen Lebewesen auf dieser Erde sichern zu können. Nein! Es dient vor allem dazu, um sich innerhalb der eigenen Spezies abheben und Macht ausüben zu können. Man fragt sich: Wie lange noch wird all das gut gehen?

Das fundamentale Grundgesetz in der Natur der Lebewesen ist das Recht des Stärkeren. Wobei mit Stärke nicht unbedingt Muskelkraft gemeint ist, sondern eine Fähigkeit, die der jeweiligen Art in ihrer Umgebung einen Vorteil verschafft.

Wenn Tiere eine Handlung setzen, so ist diese meist nur in kleinem Raum wirksam und auch zeitlich sehr beschränkt. Ein Elefant, der einen Baum umstürzt, tut es für sich oder seine Gruppe, in der er lebt. Aber kein Elefant fällt einen Baum für andere Elefanten, welche an weit entlegenen Orten leben, selbst aber keine Bäume zur Verfügung haben. Der Baum stirbt wahrscheinlich und es vergeht vielleicht sogar ein ganzes Elefantenleben, bis ein neuer Baum wieder zu ähnlicher Größe heranwächst. Das ist schon ein recht beachtlicher Zeitraum im Vergleich zu dem, was die meisten anderen Tierarten „anrichten“ können.

Die Aktivitäten des Menschen jedoch kennen mittlerweile gar keine Grenzen mehr auf diesem Planeten. Jeder Winkel wird auf Nutzbarkeit geprüft und verwertet. Die Eingriffe des Menschen sind so tiefgreifend, dass ihre Auswirkungen weit über den Zeitraum der jeweiligen Generation hinausgehen. Der Wirkungshorizont umspannt also den ganzen Globus und die Folgen sind manchmal hunderte oder sogar tausende (wenn man an den Atommüll denkt) Jahre später noch präsent. Die derzeitigen Handlungen des Menschen gehen also zu erheblichem Teil zulasten kommender Generationen. Wir verbrauchen jetzt schon, was unseren Kindern, Enkeln und Urenkeln zustehen würde. Wir lassen der Natur keine Zeit zur Regeneration!

Die Kombination von Intelligenz, handwerklichem Geschick und dem Gesetz des Stärkeren birgt große Gefahren in sich. Das Ausleben der Stärke unter Zuhilfenahme von Intelligenz würde dauerhaft nur dann funktionieren, wenn unbeschränkter Lebensraum mit unbeschränkten Ressourcen verfügbar wäre. Der Mensch weiß das!
Dennoch vergeuden wir Unmengen an Ressourcen für Dinge, die weder der Nahrungsbeschaffung, noch der Abwehr von natürlichen Feinden dienen. Es wäre noch nicht einmal zu verurteilen, wenn es sich ausschließlich um Dinge handelte, welche, gerecht verteilt, allen ein angenehmeres Leben ermöglichten.

Es herrscht aber zunehmende Ungleichverteilung! Daraus entstehen Frust, Neid, Ohnmachtsgefühle, Terror, Gewalt und Gegengewalt. Alles Dinge, die Ressourcen aller Art sinnlos vernichten.
Dass das Recht des Stärkeren einem Zusammenleben in einer Gemeinschaft nicht dienlich ist, hat der Mensch bereits früh erkannt und Handlungen, wie Diebstahl, Betrug oder Mord werden schon seit Jahrhunderten bestraft.
Um dem Menschen eine langfristige Existenz sichern zu können, müsste er seine Macht des Stärkeren auf ein nötiges Mindestmaß reduzieren. Die typisch menschlichen Eigenschaften müssten darauf konzentriert werden, Methoden und Systeme zu entwickeln, die ein Zusammenleben erlauben, ohne kommenden Generationen ihre Lebensgrundlage zu rauben.
Leider basieren ganze Industriezweige, wie zum Beispiel die Waffenproduktion, auf dem Gesetz des Stärkeren.

Aber auch grundlegende Dinge, wie das vorherrschende Wirtschaftssystem, sind Spiegelbilder des Gesetzes des Stärkeren. Ein Wirtschaftssystem, welches jede Regulierung ablehnt, IST ein System, in dem nur die „Stärksten“ überleben. Und auch hier gilt: Es könnte – wenn überhaupt – nur dann funktionieren, wenn unbeschränkte Ressourcen und Lebensräume vorhanden wären. Die von den Anhängern dieser Ideologie geltende Grundregel „der Markt regelt alles“ kann unter den realen Bedingungen langfristig nur scheitern!

Ohne Beschränkung werden Investoren immer dann, wenn die Renditen in der Realwirtschaft nicht mehr die gewünschte „Performance“ zeigen (und das ist logische Konsequenz, wenn man behutsam mit Ressourcen umgehen will und muss), auf den Finanzmarkt ausweichen, um sich dort mit immer waghalsigeren Konstrukten Gewinne zu sichern. Der Finanzmarkt entfernt sich so immer weiter von der Realwirtschaft. Es ist aber letztendlich immer nur die Realwirtschaft, welche tatsächlichen Mehrwert schaffen kann. Vermeintliche Gewinne erweisen sich somit als „Blasen“ – die Wirtschaftskrise ist da. Obwohl (oder gerade weil?) dieses Szenario bereits mehrfach eingetreten ist und jedes Mal unzählige Menschen in die Armut trieb (zugleich einigen wenigen zu unverschämtem Reichtum verhalf), hält man eisern daran fest.

Man muss nicht Wirtschaft studiert haben, um das Scheitern dieses Systems vorhersagen zu können. Offenbar muss man aber Wirtschaft studiert haben, um ein regelmäßig scheiterndes System dennoch in der Politik weiterhin als alternativlos darstellen zu können.
Ob einfacher Diebstahl, ganze Staaten zerstörende Korruption, Raubmord oder gar Krieg – es steckt immer das Gesetz des Stärkeren dahinter, welches gepaart mit der Intelligenz des Menschen schreckliche Ausmaße erreicht.
Wenn es der Menschheit nicht gelingt, ein soziales System zu schaffen, in dem NICHT immer nur der Stärkere als Sieger hervorgeht, sondern das Wohl der Gemeinschaft an erster Stelle steht, wird das Experiment „Mensch“ von Mutter Natur schon bald als gescheitert abgehakt werden.

© Ernst Pisch

Für die Mücke wird der Mensch dann bloß eine kurze Abwechslung auf ihrer Speisekarte gewesen sein.

Menschliche Intelligenz … Fluch und Segen zugleich!

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Ernst Pisch

Ernst Pisch

Ernst fotografiert in seiner Freizeit leidenschaftlich gerne und interessiert sich für die Technik, welche dahintersteckt. Während der oft längeren beruflichen Fahrten von und zu den Kunden denkt er unter anderem auch gerne darüber nach, warum die Welt genau so ist, wie sie ist. Dabei entstehen Fragen und manchmal auch neue Interessen, Ideen und Erkenntnisse, welche er gerne mit anderen teilt.

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2 Gedanken zu “Wozu sind Mücken gut?

  1. Wieder ein super Artikel, der genau meiner Meinung entspricht. Leider sehe ich wenig Hoffnung, dass eine genügend große Anzahl unserer Art, Homo sapiens, die eigentlich dringend in Homo asapiens, also “nicht kluger Mensch”, umbenannt werden sollte, nur auf wenigstens noch merkbare Anteile von Dingen die wir gar nicht brauchen rechtzeitig zu verzichten bereit ist.
    Vermutlich werden wir, falls es einmal nachvollziehbar sein wird, als jenes Lebewesen in die Weltgeschichte eingehen, das sich WISSENTLICH innerhalb kürzester Zeit SELBST AUSGEROTTET hat. Man bedenke dabei nur, dass menschenähnliche Vorfahren erst vor rund 4 Millionen Jahren auftauchten, die Saurier aber zum Beispiel 160 Millionen Jahre lang die Erde bevölkerten. Libellen und viele andere (natürlich nur Vorfahren und nicht jetzt lebende Arten) sogar noch viel länger.
    Danke für den tollen Artikel und hoffentlich bringt er ja doch Einige Wenige zum nachdenken.
    Robert

  2. Danke Robert!
    Ich glaube, dass der größte Teil der Menschheit sehr wohl bereit wäre, auf so extreme Ungleichverteilung, Korruption, Kriege und auch so manchen Luxus zu verzichten 😉
    Wenn man bedenkt, was der Lohn für diesen Verzicht wäre: Mehr Frieden, mehr Natur, weniger Hunger, …
    Aber die Schalthebel der Macht sind nun mal einfacher für Menschen zu erreichen, die keinerlei Empathie und Gerechtigkeit kennen. Und so sind es einige wenige, die über das Schicksal der gesamten Menschheit entscheiden.
    Menschen, die bereit sind, Gewalt einzusetzen, um ihre persönlichen Interessen zu bedienen, kann man nur mit Gewalt begegnen – sie werden mit vernünftigen Argumenten und gutem Zureden nicht zu kontrollieren sein. Wie ist das aber vereinbar mit dem, was man letztendlich erreichen will? Nämlich eine Zukunft ohne Gewalt?
    Die Intelligenz des Menschen existiert nun mal – man kann sie nicht einfach auslöschen. Einzig Bildung kann möglichst viele Menschen in die Lage versetzen, zu erkennen, dass nur ein gemeinsames Miteinander eine erfolgreiche Zukunft der Menschheit ermöglicht.
    So, wie die Meinung gebildet wird, welche fast ausschließlich den aktuell Herrschenden zugute kommt, könnte man auch eine Meinung bilden, welche der Gesellschaft als Ganzes eine lange und sichere Zukunft in Aussicht stellt.

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