3. März 2021
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Klimawandel – und das jetzt?

Globale Durchschnittstemperaturen von 1850-2017. Je roter, umso wärmer! (Grafik © Ed Hawkins, CC BY-SA 4.0)
Lesedauer ca. 6 Minuten

Kurz vor Weihnachten habe ich einen Onlinevortrag von Univ.Prof.in Helga Kromp-Kolb gesehen. Sie ist eine der renommiertesten österreichischen Klimaforscherinnen, sie arbeitet an der BOKU Wien im Bereich Meteorologie und Klimawandel. In den letzten Jahren wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Eigentlich bin ich im Bereich Klimawandel halbswegs belesen. Die Klarheit der Worte in diesem Vortrag hat mich aber trotzdem wach gerüttelt. Da ich diese Infos für äußerst wichtig halte, möchte ich im Folgenden eine Zusammenfassung mit den wesentlichen Fakten präsentieren.

Das Thema des Vortrags war „Klimawandel – und das jetzt?“. Die Frage bezieht sich darauf, warum und ob wir jetzt, mitten in der Coronakrise, auch an die Klimakrise denken sollten. Laut Kromp-Kolb sind die wirtschaftlichen Auswirkungen durch die Coronapandemie sehr gering im Vergleich zu der zu erwartenden Wirtschaftskrise durch den Klimawandel. Vor allem dann, wenn wir nicht rasch gegensteuern.

Wie funktioniert eigentlich der Klimawandel?

Die Menschen erzeugen durch die Produktion von Waren und durch ihr Handeln immer mehr Treibhausgase (v.a. CO2). Diese Gase gelangen in die Atmosphäre, somit steigt die dortige Konzentration. Die Sonne strahlt Wärmeenergie auf die Erde. Ein Teil dieser Wärmestrahlung entweicht wieder in den Weltraum zurück. Durch die höhere Konzentration der Treibhausgase nimmt diese Retourstrahlung ab und es kommt zur globalen Erwärmung. Da der Auslöser die Menschen sind, spricht man von „menschengemachter Erwärmung“. Die wichtigsten Folgen dieser Erwärmung sind Veränderungen in den Druckverteilungen und dadurch Niederschlagsänderungen, Häufungen von Extremereignissen, das Abschmelzen von Eis und der Anstieg des Meeresspiegels.

Die Wissenschaft beobachtet vor allem seit den 1970er Jahren einen deutlichen Anstieg der Temperaturen fast überall auf der Welt. Bis dahin gab es meist nur sehr lokale Temperaturanstiege und immer wieder auch kältere Perioden, niemals aber global über die ganze Erde verteilt. Ab 2015 ist dann nochmals eine deutliche Steigerung zu erkennen. In Österreich fällt der Anstieg der Temperaturen noch deutlicher aus, da wir ein Binnenland sind. Seit 1780 kam es in Österreich bereits zu einer Erwärmung von +2,3°C. Weltweit sind wir inzwischen schon bei einem Anstieg der globalen Temperatur von über 1°C gegenüber der vorindustriellen Zeit.

Die Grafik zeigt die Abweichung der globalen Lufttemperaturen (Mittel der einzelnen Jahre) zwischen 1881 und 2016 gegenüber dem Mittelwert des 20. Jahrhunderts. Quelle: NOAA
 

Warum ist das 2°C Ziel so wichtig?

Im Pariser Klimaabkommen wurde international beschlossen, dass man die Erderwärmung mit 2°C beschränken will. Später hat der IPCC diese Zahl auf 1,5°C korrigiert. Dieses Ziel hat eine enorme Wichtigkeit. Zur Erklärung: der IPCC ist ein internationaler Zusammenschluss von Regierungen und Wissenschaft, mit dem Ziel, den Stand der wissenschaftlichen Forschung zum Klimawandel für politische Entscheidungsträger zusammenzufassen.

Auch bisher gab es bereits Schwankungen bei den globalen Temperaturen. Zum Beispiel hat auch die „kleine Eiszeit“ zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert deutliche Auswirkungen gehabt (enorme Ernteausfälle, Flucht nach Amerika). Die Erde hat sich aber durch geringe Treibhausgaskonzentrationen immer wieder von selbst „erholen“ können. Es herrschte ein gewisses Gleichgewicht. Laut Kromp-Kolb passiert bei einem deutlichen Überschreiten der 1,5°C-Grenze ein Effekt, der ein Kippen des Systems hervorrufen kann. Es gibt einige solche Kippeffekte, die zu sogenannten selbstverstärkenden Prozessen führen. Ein Beispiel ist die Eisschmelze. Durch geschmolzenes Gletschereis werden die Flächen rund um die Gletscher dunkler, was ein verstärktes Absorbieren der Wärmestrahlung und somit einen weiteren Temperaturanstieg zur Folge hat. Höhere Temperaturen fördern wiederum die Eisschmelze und so weiter.

Es besteht also die Gefahr, dass die globalen Temperaturen weiter und weiter steigen. Der wissenschaftliche Konsens ist, dass es  bei einem Einlenken bei +1,5°C zu weniger Kippeffekten kommt und die Temperatur somit auf Dauer konstant bleiben kann.

Wir haben also die Wahl: entweder +1,5°C und nicht mehr, oder eine immer weiter fortschreitende Erderwärmung (vlt. ohne Ende).

Eine immer stärkere Erwärmung hätte weitreichende negative Auswirkungen auf u.a. folgende Bereiche: die Ernährung der Menschen, die Wasserverfügbarkeit, die Artenvielfalt, den Meeresspiegelanstieg und auch auf Extremereignisse, wie Sturm, Dürre oder Hochwasser.

Was können wir tun?

Es gibt nun drei Möglichkeiten, dem Klimawandel zu begegnen:

  • Wir passen uns an die höheren Temperaturen und deren Auswirkungen an – dies wird nur bis zu einem gewissen Grad funktionieren.
  • Geo Engeneering – wir versuchen beispielsweise, das CO2 aus der Atmosphäre zu holen. Hierfür gibt es (noch) keine Lösung. Ob und wie das CO2 endgelagert werden kann, ist ohnehin sehr fraglich. Dennoch ist Geo Engeneering für den IPCC relevant und notwendig.
  • Minderung der Treibhausgasemissionen  durch Lebensstiländerung und technische Lösungen. Es wird sicherlich beides brauchen.

Anpassung und Geo Engeneering werden weniger zielführend bzw. sehr ungewiss sein, daher werden wir uns vor allem auf die Minderung der Treibhausgase konzentrieren müssen.

Die Staaten haben sich im Pariser Abkommen darauf geeinigt, ab 2050 keine weiteren Emissionen mehr in die Atmosphäre gelangen zu lassen. Österreich hat dieses Ziel sogar um 10 Jahre auf 2040 vorverlegt. Das ist grundsätzlich sehr positiv, allerdings gibt es noch kein klares Konzept, wie dies geschehen soll. Das Diagramm der Treibhausgasemissionen über die Jahre zeigt, dass es eine abrupte Senkung der Emissionen braucht. Bisher ist Österreich nicht sehr positiv aufgefallen. Als einer von nur 5 EU-Staaten haben wir seit den 1990 er Jahren sogar noch ein Ansteigen der CO2-Emissionen zu verzeichnen. Alle anderen Länder konnten seither ihre Emissionen mehr oder weniger reduzieren.

Wissenschaftlich ist klar, wieviel CO2-Emissionen es noch in der Atmosphäre verträgt, um das wichtige 1,5°C-Ziel zu erreichen. Ein Großteil der verkraftbaren Gesamtmenge ist allerdings bereits verbraucht – viel Spielraum haben wir nicht mehr. Das Absenken muss also rasch gehen und vor allem sofort beginnen.

Hier sieht man, wie sich die CO2-Emissionen in den nächsten 20 Jahren entwickeln müssen, wenn man das Klimaziel in Österreich erreichen will. Das Diagramm stammt vom Klimavolksbegehren. Quelle: https://klimavolksbegehren.at/forderungen/

Die Politik ist gefordert, die Rahmenbedingungen sehr schnell zu schaffen, um die Ziele erreichbar zu machen. Klimafreundliches Handeln muss deutlich belohnt und klimaschädliches Tun schmerzhaft unattraktiv werden. Genau jetzt ist die Zeit reif, ein Wirtschaftssystem, das ohnehin durch die Pandemie gerüttelt ist, neu zu konzipieren. Umweltfreundlich zu konzipieren und vor allem so, dass ein gutes Leben für alle möglich wird. Die Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, kurz SDG) der UNO könnten hierfür ein guter Leitfaden sein.

„Das fundamentale Problem der Klimapolitik sind nicht wissenschaftliche Faktoren, sondern Konflikte um Weltanschauungen und Werte“ (Ottmar Edenhofer, deutscher Ökomon)

Wenn es gelingt, das Wirtschaftssystem positiv in die Zukunft zu führen, haben wir die Chance auf eine gute Lebensqualität für alle.

Natürlich wäre es auch gut, wenn jede*r Einzelne seine Entscheidungen sensibel im Hinblick auf einen klimaschonende Lebensweise trifft.

Vlt. lieber eine gute Unterhaltung im Zug statt einer stressigen Autofahrt im Stau.
Vlt. regionale Bio-Lebensmittel geniessen statt einen riesigen, intenationalen Konzern finanzieren.
Vlt. eine Ballonfahrt statt eines Alpenrundflugs unternehmen.
Vlt. mal das Erfolgserlebnis einer Reparatur kennenlernen statt sich durch die Online-Shops zu wühlen.
Vlt. den Rasenmäher mit dem Nachbarn teilen statt die Garage mit immer neuen Geräten vollstopfen.
Vlt. auch mal über einen anderen Stromanbieter mit zertifiziertem Ökostrom nachdenken.
Vlt. mal auf den Stromverbrauch der Geräte achten statt am Ende des Jahres in den Geldbeutel zu greifen.
Vlt. mal einen Gemüseauflauf zaubern statt täglich ein Schnitzel brutzeln.
Vlt. öfter nachdenken, was man wirklich braucht.
Vlt. auch beim Einkaufen auf Plastikverpackungen achten.

Wieviel Ressourcen man selber verbraucht, lässt sich näherungsweise über den Fußabdruck-Rechner ermitteln. Das ist recht spannend und zeigt, dass wir in Österreich deutlich über das vertretbare Ziel hinausschießen. Würden weltweit alle Menschen so leben, wie wir hier in Österreich, bräuchten wir die Ressourcen von drei (!) Erden.

https://www.mein-fussabdruck.at/

Es bleibt zu hoffen, dass die Pandemie auch im privaten Bereich ein Umdenken einleitet. Ich bin mehr als gespannt, was die nächsten (leider wenigen) Jahre im Blick auf den Klimwandel bringen werden.

Buchtipps:

Helga Kromp-Kolb: +2°C – Warum wir uns für die Rettung der Welt erwärmen sollten.
https://www.oegbverlag.at/cms/V01/V01_20.0.a/1342610629071/home/plus-zwei-grad

Die Science Busters: Global Warming Party – Wie wir uns das Klima schönsaufen können.
https://sciencebusters.at/global-warming-party-das-buch/

Harald Welzer: Selbst Denken. (nicht mehr ganz neu, aber immer noch sehr aktuell).
https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/buchrezension-selbstdenken/

Christian Schienerl – Now
https://www.now-jetzt.org/

Links:

Der Sonderbericht des IPCC zum Thema 1,5°C:
https://www.ipcc.ch/sr15/

Eine interessante Seite:
https://www.klimafakten.de/

Erklärung der SDG’s:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ziele_f%C3%BCr_nachhaltige_Entwicklung

Und wer mehr Zeit hat: Helga Kromp-Kolb in einem Onlinevortrag der FH Salzburg. Der Vortrag dauert eine gute halbe Stunde. Danach noch einiges an Fragen und Diskussion.
https://m.youtube.com/watch?v=ImV4nwJfR6Q

Besonders empfehlenswert: ein Interview mit Harald Lesch, deutscher Physiker und Wissenschaftsjournalist.

Und noch eine ZDF-Sendung aus der Reihe Leschs Kosmos. Hier wird auch Geo Engeneering erklärt und auf die wahrscheinliche Notwendigkeit hiervon hingewiesen. Auch der IPCC hält solche technischen Lösungen für unumgänglich.

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Peter Oberhofer

Peter Oberhofer

Peter ist seit Ende 2012 Redaktionsleiter der DZ. In Inzing ist er bei der Klimabündnisgruppe und bei der Gemeinderatsfraktion juf engagiert. Umwelt- und Klimaschutz, Energiesparen, öffentlicher Verkehr sind ihm ein wichtiges Anliegen.

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Ein Gedanke zu “Klimawandel – und das jetzt?

  1. Lieber Peter,
    danke für diese gute Zusammenfassung. Ich kann nur jedem und jeder empfehlen, den Fußabdruckrechner auszuprobieren. Da sieht man für sich deutlich, wo man schon auf einem guten Weg ist und wo man eigentlich mehr Ressourcen für sich beansprucht als gut ist für ein gutes Leben auf der Erde.

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