15. August 2022
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Wohin geht die Reise?

Foto: pixabay
Lesedauer ca. 6 Minuten

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle einen Bericht zum ersten Klimadialog in Inzing präsentieren. Es war geplant, nach der Erstellung der Klimabilanz im Sommer und des Klimachecks im Herbst letzten Jahres, einen Workshop abzuhalten, aus dem ein Klimaziel und entsprechende Maßnahmen für Inzing hervorgehen sollten. Leider wurde der Workshop auf das Frühjahr verschoben. Das Team war hochkarätig besetzt – drei Expertinnen des Klimabündnis Tirol, drei Bürgermeisterkandidaten und weitere Gemeinderät:innen, ein Vertreter der Wirtschaft und interessierte aus dem Umweltausschuss und der Klimabündnisgruppe. Aufgeschoben ist hoffentlich nicht aufgehoben. Ich bin überzeugt, dass wir zu einem späteren Termin einen spannenden Dialog gestalten und passende Ideen auf den Weg bringen werden.

Über den bereits erstellten Klimacheck für das Gemeindeamt und den Kindergarten kann ich hier wenigstens berichten. Das Klimabündnis Tirol hat sich im November das Gemeindeamt und den Kindergarten (ohne 10er Haus) näher angeschaut. Im Klimacheck sind nicht nur die energetische Sicht auf das Haus, sondern auch Aspekte, wie Abfall, Grund- und Wasserverbrauch, der Einkauf und die Mobilität analysiert worden. Einiges schaut schon sehr gut aus, für anderes wurde ein Maßnahmenkatalog erstellt. Der gesamte Bericht ist auf der Gemeindehomepage zugänglich:

https://www.inzing.tirol.gv.at/Unser_Inzing/Klimabilanz/Ergebnisbericht_Klimacheck_Gemeinde_Inzing

Neben einigen kleineren Maßnahmen finde ich die folgenden Ideen recht interessant für das Gemeindeamt und eventuell auch darüber hinaus:

  • Umstellen auf Ökostrom
  • Prüfung der Statik für eine große PV-Anlage am Dach des Gemeindegebäudes. Geschätztes Potential: 150 kWp!
  • Prüfung Nah- bzw. Fernwärmenetz. Dies scheint „notwendig“, da die drei Gemeindegebäude (Amt + Kindergarten, 10er Haus, alter Kindergarten), die über eine zentrale Heizung gemeinsam versorgt werden, momentan nur sehr ineffizient betrieben werden können.
  • Implementierung und regelmäßige Präsentation einer Energiebuchhaltung

Leider kann ich an dieser Stelle also nicht die Ziele präsentieren, die Inzing im Hinblick auf die (lokale) Klimazukunft erarbeiten hätte sollen.

Vielleicht drehen wir den Spieß um. Schauen wir aus dem Jahr 2050 zurück und bewundern, was uns in den letzten drei Jahrzehnten gelungen ist, um das Leben besser, umweltfreundlicher, nachhaltiger und zukunftssicherer zu machen. Aus dem Buch „Mensch Erde! Wir könnten es so schön haben.“ von Dr. Eckhart von Hirschhausen hier ein Text mit dem Titel „Mein Traum 2050“:

Eckart von Hirschhausen schwärmt vom Jahr 2050 mit guter Luft ohne Feinstaub, von klarem Himmel, von dem Luxus nicht mehr von Öl- oder Gaslieferungen abhängig zu sein. Er erzählt von einer gelungenen Verkehrswende mit Parkhäusern für Fahrräder, von einem perfekt ausgebauten Zugnetz, von begrünten Städten. Er redet von einer jungen Generation, die es geschafft hat, wissenschaftsbasiert den Wandel geschafft zu haben, von Flughäfen, die wieder zu Naturschutzgebieten wurden und von vielem mehr. Alles eine wirre Vision oder vielleicht doch Realität im Rückblick?

Ich hole noch ein wenig aus:

Dass die Klimakrise zur größten Herausforderung der Menschheit geworden ist, hängt wohl unter anderem damit zusammen, dass zu lange zugeschaut wurde und die großen Entscheidungsträger sich viel zu wenig getraut haben, in die Gegensteuerung der Erderwärmung frühzeitig einzusteigen. Grund ist wohl auch die Tatsache, dass man sich nicht vom bestehenden Wirtschaftssystem des ewigen Wachstums wegbewegen will. Dass man es nicht besser gewusst hat, stimmt einfach nicht. Seit 40 Jahren warnt etwa der Club of Rome vor den Folgen des Klimawandels. Und auch die Expert:innen sind sich schon lange einig. Der Klimawandel ist menschengemacht und steuert zielsicher auf kritische Kipppunkte zu, die bedrohlich werden.

Aber wer sind eigentlich die Hauptverursacher für die Treibhausgase, die zur Erderwärmung führen? Sind es die Chinesen, wie man oft hört, oder etwa doch die Ölkonzerne? Oder jeder Einzelne? Sind es die Flugkilometer oder die Landwirtschaft, ist es der Konsum oder ganz generell das Wirtschaftswachstum? Ist das CO2 das Hauptproblem oder auch oder sogar vor allem die anderen Treibhausgase Methan, Lachgas oder FKW und wie sie alle heißen? Ist der Konsum, das Fleisch, der Verkehr oder die Zementproduktion jener Bereich, der einen großen Anteil am Klimawandel hat? Streaming oder Bitcoin werden auch immer wieder genannt, auch die Palmölproduktion oder die Waldrodung im großen Stil in Brasilien. Ich möchte ein paar Diagramme und Artikel präsentieren, die zeigen sollen, dass je nach Wunsch ein „Schuldiger“ gefunden wird. Ich präsentiere das nicht, um mit erhobenem Finger auf jemanden zu zeigen, sondern um die unübersichtliche Situation ein wenig aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit. Ich habe momentan das Gefühl, selbst den roten Faden verloren zu haben. Mir kommt vor, es hängt sowieso alles zusammen. Es wird also nicht ausreichen, an wenigen Schrauben zu drehen.

Bei der Recherche für diesen Artikel bin ich vom Hundertsten ins Tausendste abgedriftet. Die Menge an „Klimasündern“ ist enorm. Also muss ich mich auf ein paar wenige beschränken.

Fangen wir exemplarisch mit China an. China ist die beste Ausrede, wenn man nichts für den Umwelt- und Klimaschutz tun will. Natürlich sind die Chinesen die Hauptemittenten von CO2 (Hinweis: ich schreibe hier immer nur von CO2, meine aber die ganze Palette an Treibhausgasen).

Bild: Katapult-Magazin aus dem Artikel https://katapult-magazin.de/de/artikel/das-zitierkartell-der-klimaleugner. Lizenz siehe Fußnote.

Ja klar haben die Chinesen die meisten Emissionen. Mit über einer Mrd. Einwohnern auch keine große Kunst. Und im übrigen produzieren sie doch recht viel für den Konsum anderer Länder. Schaut man sich die Pro Kopf Emissionen an, schaut die Sache schon ganz anders aus.

Bild: Katapult-Magazin aus dem Artikel https://katapult-magazin.de/de/artikel/das-zitierkartell-der-klimaleugner. Lizenz siehe Fußnote.

China liegt also nicht mehr bei den großen Klimasündern und kann nicht als Ausrede herhalten.

Themenwechsel: Arm und Reich. Oxfam hat 2021 eine Studie veröffentlich, die zeigt, dass die reichsten 10% der Erde im Jahr 2030 bereits für mehr Treibhausgasemission verantwortlich sein werden, wie zur Erreichung des Paris-Zieles zulässig wäre, unabhängig davon, was die restlichen 90% tun. Dieses Ungleichgewicht hängt wohl mit unserem Wirtschaftswachstum und dem Konsumwahn zusammen. Ganz genaue Zahlen habe ich nicht gefunden, aber ich vermute, auch die sehr viele Österreicher:innen zählen zu den 10% der reichsten Menschen der Erde. Noch krasser ist, dass 1% der Weltbevölkerung fast die Hälfte (!) der gesamten Treibhausgase emittiert.

Die Reichen emittieren so viel zu viel, dass es egal ist, was der ärmere Teil der Bevölkerung macht.
Bild: Oxfam aus dem Artikel https://www.oxfam.de/presse/pressemitteilungen/2021-11-05-klima-fussabdruck-superreichen-30-mal-hoeher-pariser-abkommen.

Klima-Fußabdruck der Superreichen 30-mal höher als mit Pariser Abkommen verträglich (oxfam.de)

Auch der Verkehr spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle, wie die Scientist4Future herausgefunden haben. Ein Großteil der Emissionen der Superreichen geht auf das Konto des Flugverkehrs. In der EU bringen es Vielflieger schon mal auf über 50 Tonnen CO2 im Jahr. Wenn man bedenkt, dass es nur etwa 2,5 Tonnen im Durchschnitt vertragen würde bzw. der durchschnittliche Fußabdruck eines Österreichers bei etwa 10 Tonnen liegt, dann ist das ein enormer Wert.

https://at.scientists4future.org/2021/04/30/1-prozent-der-weltbevoelkerung-verursacht-50-prozent-der-co2-emissionen-durch-flugverkehr/

Zum Fliegen noch ein paar Zahlen. Weltweit sind es „nur“ ca. 2,5% der gesamten Emissionen, die auf den Flugverkehr zurückzuführen sind. Man könnte meinen, das ist nicht viel. Die Verteilung ist allerdings äußerst ungerecht. Ganz viele Menschen fliegen in ihrem Leben überhaupt nicht. Für den Durchschnitts Österreicher allerdings vergrößert ein Langstreckenflug pro Jahr immerhin seinen Jahresausstoß um etwa 50-80%. Man sieht, die Sichtweise verändert die Zahlen deutlich.

Ganz was anders – was ist umweltfreundlicher: ein ebook-Reader oder ein Buch. Dieser Frage ging das Katapult-Magazin auf den Grund.

Bild: Katapult-Magazin aus dem Artikel https://katapult-magazin.de/de/artikel/buch-oder-e-paper-was-ist-umweltschaedlicher Lizenz siehe Fußnote.

Die Sektoren mit den größten Emissionen:

Weltweit ist die Landwirtschaft für etwa 25% der Treibhausgase verantwortlich und somit einer der Hauptemittenten überhaupt. Die Energiewirtschaft mit ebenfalls ca. 25%, die Industrie mit 20%, der Verkehr mit 14% und die Zementproduktion mit 8% folgen.

Quelle: https://science.orf.at/v2/stories/2988476/

Zur Ernährung zwei nette Grafiken:

Ob Mehlwürmer die Lösung für den Ersatz von uns bekanntem Fleisch sein kann? Ich weiß es nicht. Jedenfalls ein interessanter Ansatz.

Wir haben gesehen, es gibt größere und kleinere Treibhausgasemittenten. Je nach Darstellung scheint manches mehr oder weniger problematisch. Es gibt so viele Ansatzpunkte für Verbesserungen. Letztlich wird es wohl notwendig sein, dass alle im Rahmen ihrer Möglichkeiten einen Beitrag leisten, um die Klimaziele halbwegs zu erreichen. Die Reichen nicht zuerst, sondern entsprechend mehr. Es gibt ja ein paar großartige Möglichkeiten, die auch ohne Verzicht einhergehen. Z.B. der Bezug von zertifiziertem Ökostrom, der Betrieb einer Photovoltaikanlage, das Dämmen des eigenen Hauses oder auch das Fördern von Klimaschutzprojekten im globalen Süden.

Zurück zu Inzing.

Nun bin ich sehr gespannt, welche Ziele Inzing für seine Klimazukunft bei den ausstehenden Klimadialogen im Frühjahr erarbeiten wird. Natürlich sind in Inzing ganz andere Schwerpunkte, als in diesem Artikel gefragt. Heizen, Verkehr, Reduktion der fossilen Treibstoffe im allgemeinen oder Steigerung der Ökostromerzeugung im Ort wären vermutlich Themenbereiche, die zu beackern sind. Es wird jedenfalls spannend. Ich werde wieder berichten.

Bildlizenzen Katapult:
Creative Commons — Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International — CC BY-NC-ND 4.0

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Peter Oberhofer

Peter ist seit Ende 2012 Redaktionsleiter der DZ. In Inzing ist er außerdem bei der Klimabündnisgruppe engagiert. Umwelt- und Klimaschutz, Energiesparen, öffentlicher Verkehr sind ihm ein wichtiges Anliegen.

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