8. Dezember 2022
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Einblicke in Lebensgeschichten und was wir daraus lernen könnten

Lesedauer ca. 4 Minuten

Schulschluss! Ein unendlich langer Sommer liegt vor den Kindern. Schwimmbad, Fußballplatz, Freunde und Freundinnen, Eisschlecken, Urlaub, Meer. Dass das ein privilegierter Sommer ist, sollte zumindest uns Erwachsenen klar sein. Nicht nur wegen der geopolitischen Großwetterlage, sondern auch wegen des immer größer werdenden Spalts zwischen Arm und Reich, Stichworte: Inflation und Kinderarmut.

Mich beschäftigen gerade die verschiedenen Lebensentwürfe. Da, wo sie freigewählt werden können und da, wo äußere Umstände alles bisherige verändern. In den letzten Wochen war in unserer Familie die Musikschule ziemlich präsent. Der 10-jährige Sohn durfte in 14 Tagen 7 Auftritte mit seinen beiden Ensembles bestreiten. Erfahrungen, die ihm nicht nur im musikalischen Bereich weiterhelfen, sondern auch im sozialen, sowie der persönlichen Entwicklung. Möglich ist das durch engagierte Musiklehrer*innen, die nicht nur Dienst nach Vorschrift machen, sondern die Kinder auch durch privaten Einsatz fördern und fordern. Der Schlagzeuglehrer meines Sohnes, Andreas Schneider, formulierte einmal, dass der Erfolg und die Freude der Kinder wiederum direkt seine eigene Freude und Enthusiasmus befördern würden. Von nix kommt nix, aber es kommt auch wieder zurück.

Aber auch in der Volksschule kann man beobachten, wie jene Lehrer*innen, die ein ernsthaftes Interesse an ihren Schüler*innen haben, sie über Jahre begleiten und die Kinder ganz anders kennenlernen, als wir Eltern, die Sympathie und Freundschaft direkt wieder zurückbekommen. Vielleicht ein wenig versteckt und implizit, aber spürbar. Insofern bin ich sehr dankbar, dass mein Sohn genau so eine Lehrerin hatte. Sie hat einen Grundstein gelegt, der ihm sicher noch über die kommenden Jahre und in der nächsten Schule zugutekommen wird.

Beruflich beschäftige ich mich aber gerade mit ganz anderen Biographien. Wie in einem anderen Artikel für den Dorfzeitungsblog erwähnt, arbeite ich im Rahmen der Initiative Minderheiten an einem Projekt mit und über Jenische, konkret am Aufbau eines Jenischen Archivs. Als Fahrende waren sie jahrhundertelang Diskriminierungen und Verfolgungen ausgesetzt, die in der Zeit des Nationalsozialismus einen traurigen Höhepunkt erlangten, aber auch nach 1945 nicht aufhörten. Gestern überflog ich eine Dissertation („Über die Kriminalität der Karrnerinnen“), die im November 1945 an der Universität Innsbruck eingereicht wurde und vor Vorurteilen nur so strotzt (ganz abgesehen von dem unglaublichen und widerlich zu lesendem Frauenbild).

Ebenfalls gestern konnte ich im Tiroler Landesarchiv Einsicht in Akten nehmen, rund um ein Gerichtsverfahren wegen Beihilfe zur Fahnenflucht. Ein junger Mann war desertiert, weil er keinen Urlaub für die Heirat seiner hochschwangeren Freundin bekommen hatte. Durch die Unterstützung seiner Familie und mit Hilfe kleiner Tricksereien kam er längere Zeit davon und konnte selbst nach der Verhaftung wieder flüchten. Letztendlich geht die Geschichte aber tragisch aus. Der Deserteur wird ermordet, die Eltern und die Schwester werden eingesperrt, wobei der Vater im Gefängnis in Baden-Württemberg ums Leben kommt. Im Akt erhalten sind private Briefe der Töchter an die Eltern während der Untersuchungshaft. Mit dem späteren Wissen ist es schockierend zu lesen, wie die Anteilnahme und Liebe aus den Briefen spricht und die Zuversicht, dass alles gut enden wird. Auch hier will man nicht glauben, wie die Geschichte in der Nachkriegszeit weitergeht. Das Verfahren gegen die Schwester, durch den Zusammenbruch des NS-Regimes aus der Haft entlassen, wird im Dezember 1949 wieder aufgenommen, wobei das Gericht zu folgendem Urteil kommt:

„Die mit Urteil des Sondergerichtes Innsbruck am 23. Februar 1945 (!) über Emma G. wegen Verbrechens nach § 222 (Beihilfe zur Fahnenflucht) verhängte dreijährige Zuchthausstrafe wird mit einem Jahr schweren Kerkers, verschärft durch ein hartes Lager, neu festgesetzt. Im übrigen bleibt das Urteil des Sondergerichtes unberührt.“ (Der neue Mahnruf, Heft 3, März 1950)

Man muss sich das vorstellen: dein Vater und dein Bruder werden von den Nazis ermordet und du bekommst 5 Jahre später ein Gerichtsurteil, dass es nicht rechtens war, dem Bruder bei der Flucht vor dem Unrechtsregime zu helfen. Immerhin hob der oberste Gerichtshof wenig später das Urteil auf. „Der Oberste Gerichtshof stellte dabei fest, daß das Urteil von Innsbruck in krassem Gegensatz zu den bestehenden österreichischen Gesetzen stehe und Emma G. sofort auf freien Fuß zu setzen ist.“ (ebd.)

Eine andere Geschichte erreichte mich von Pettneu am Arlberg. Johann G., ein jenischer Hilfsarbeiter oder Schuster (je nach Dokument), wurde nach dreieinhalb Jahren KZ-Haft von den Nazis ermordet. Über das Arolsen Archiv, ursprünglich zur Nachverfolgung vermisster Angehöriger gegründet und im Besitz von Millionen (digitalisierten und öffentlich zugänglichen) NS-Akten, wurden einer entfernten Verwandten Originaldokumente zugesandt. Im Gespräch mit ihr, betonte sie, wie wichtig ihr es wäre, die Geschichte von Johann G. öffentlich zu machen, ihn nicht zu vergessen. Am 15. September 1941 wurde er ins KZ Flossenbürg nach Verhaftung durch die Kripo Klagenfurt eingeliefert, als „Asozialer“ abgestempelt. 10 Monate später nach Ravensbrück überstellt und im November 1942 weiter nach Lublin, ein Konzentrations- und Vernichtungslager im besetzten Polen. Dort blieb er offensichtlich bis Jänner 1944. Als letzte Station ist das KZ Neckargerach auffindbar, wo er am 26. Februar 1945, also nicht einmal drei Monate vor der Befreiung starb, 33-jährig und verheiratet.

Meriel Schindler entführte mich vor Kurzem in ihrer Familiengeschichte „Café Schindler. Meine jüdische Familie, zwei Kriege und die Suche nach Wahrheit“ ebenfalls zum Teil in die NS-Zeit. Ich hatte das große Glück mit der Autorin ein Interview führen zu dürfen. Nicht nur, dass Meriel Schindler eine herzliche und sehr sympathische Frau ist, sie erzählt in dem Buch ungeheuer packend ihre Familiengeschichte und fast nebenbei viel über die jüdische Geschichte. Eine absolute Leseempfehlung!

Viele verschiedene Geschichten über fast ein Jahrhundert bzw. im Falle der Familiengeschichte von Meriel Schindler sogar noch mehr voneinander getrennt. Ich habe das Glück mich privat bzw. beruflich damit auseinandersetzen zu dürfen.

Aber jetzt einmal Schulschluss und Sommer. Der Winter kommt früh genug! Wollen wir hoffen, dass uns solche Brüche und Schicksale nicht ereilen.

Die Illusion ist das zäheste Unkraut des Kollektivbewusstseins; die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler (Antonio Gramsci)*

Wir können mit kritischer Reflexion dazu beitragen, jederzeit hinterfragen und demokratische Strukturen verteidigen, damit Antonio Gramsci nicht recht behält. Wie oben erwähnt, durch engagierte Lehrer*innen (und aufmerksame Eltern) können wesentliche Grundsteine gelegt werden.


* ausgeliehen bei Hakan Gürses „Die dritte Option“ in der aktuellen Stimme, der Zeitschrift der Initiative Minderheiten.

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Michael Haupt

Michael nennt sich selbst gern Kulturarbeiter und macht das in verschiedenen Feldern, sowohl beruflich, als auch in seiner Freizeit. Letztlich geht es ihm dabei immer um die politische Dimension von Kultur. Um ihr Potenzial, die Gesellschaft vorwärts zu bringen, in dem sie Themen und Fragestellungen auf andere Art aufwirft. Das wird sich auch in seinen Artikeln für den Blog zeigen.

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